Artikel: 17 Jahre Schüleraustausch mit Sainte-Maxime (2000)

von Helga Dissinger

[Foto: Schülergruppe in Frankreich]

Es begann damit, dass Herr Portzehl, der Leiter des Progymnasiums Wildbad, mit einer Schülergruppe in Cogolin war und dort Jean Patures, den Deutschlehrer am Collège, kennenlernte. Er erfuhr von ihm, dass seine Frau, die am Collège in Sainte-Maxime deutsch unterrichtete, nach einer Austauschschule in Deutschland suchte, und so bekam ich über Herrn Portzehl die Adresse von Danielle Paturet.
Die erste Begegnung zwischen Danielle Paturet und mir und zwischen einer Schülergruppe aus Sainte-Maxime und unseren Schülern fand im März 1984 statt: Danielle Paturet und 20 Französinnen und Franzosen im Alter von 13–14 Jahren stiegen in voller Winterausrüstung (sie hatten gerade eine Lektion über den deutschen Winter gelernt) in Pforzheim aus dem Zug und wurden von ihren deutschen Partnern, die dafür extra schulfrei bekommen hatten, in Empfang genommen.
In den darauffolgenden zwei Wochen gingen sie dann brav (oder auch weniger brav) mit ihren deutschen „Corres“ in die Schule, wo sie über unsere mobilen Wandtafeln, die Sauberkeit in unseren Klassenzimmern und überhaupt die lockere Atmosphäre an unserer Schule staunten. Begeistert aber waren sie vor allem, dass sie noch in den Genuss des deutschen Winters kamen: Beim Skilaufen im Schwarzwald oder beim Schlittschuhlaufen auf der Eisbahn in Waldbronn. Das gemeinsame Schlittschuhlaufen haben wir übrigens die ganzen Jahre hindruch beibehalten.
Unser Gegenbesuch an der Côte d'Azur erfolgte dann vom 8. – 22. Juni, und so begeistert wie die französischen Schüler bei uns von Eis und Schnee, so waren es nun die unseren von Sand und Meer.
Um möglichen Pannen vorzubeugen, hatte ich unsere Schüler mit vielen guten Ratschlägen versorgt, ihnen einige Verhaltensregeln nahegelegt, doch eines hatte ich vergessen: Ich hatte nicht daran gedacht, ihnen zu verbieten, über den Golf zu schwimmen! Und so stand bereits am zweiten Tag einer unserer Schüler namens Frank am Strand in Sainte-Maxime, schaute hinüber nach Saint-Tropez und beschloss, die lächerlichen 3,5 Kilometer da hinüberzuschwimmen. Kurz vor Saint-Tropez nahm ihn dann ein Boot auf. Bei keinem der folgenden Austausche habe ich es dann versäumt, das Durchschwimmen des Golfes von Saint-Tropez zu verbieten!

Schon 1984 wurde die Tradition begründet, dass die Schüler zu einem Empfang auf das Rathaus geladen wurden.
In Neuenbürg saß man im großen Ratssaal in den ratsherrlichen Stühlen, und man konnte sich mit Cola, Fanta und Butterbrezeln stärken, während Bürgermeister Schaubel locker von seiner Stadt, seinem Wald und seinem Amt als Bürgermeister im Vergleich zu dem des französischen Präsidenten erzählte.
In Sainte-Maxime wurden wir in den ersten Jahren noch im alten Rathaus, in dem heute die Gendarmerie untergebracht ist, empfangen. 1984: Die Schüler wurden aufgefordert, sich an der Längswand auf den Boden zu hocken. Dann betrat M. Bausset, ernst und gewichtig, mit einer dicken Amtskette geschmückt, mit dem Gefolge seiner Conseillers den Raum. Er sprach von Deutschland, Frankreich und der hoffnungsvollen Jugend Europas, deren Vertreter da vor ihm auf dem Boden hockten. Dann gab es zur Belohnung ein kaltes Büffet: Martini für die Erwachsenen, Limo für die Schüler und Sardellenhäpchen, Mini-Pizzas und Feuilletés für alle.
In späteren Jahren wurde dann das Protokoll immer lockerer: M. Le Maire Bausset ließ seine Amtskette in der Vitrine, die Schüler drängten sich mit ihren Corres und deren Eltern im Marmorsaal des neuen Rathauses, und auch das Büffet unterlag den allgemeinen Lockerungsübungen: Aus den Sardellenhäppchen von 1984 waren Chips und Peanuts geworden, und als gar M. Rolland in Jeans und offenem Hemd den Chefsessel im Rathaus bestieg, wurden auch die Ansprachen von Jahr zu Jahr kürzer.
Zu einem kleinen Zwischenfall in der Routine der Empfänge kam es 1997. Das „Souvenir“ für die deutschen Schüler war in diesem Jahr eine Tonschale mit parfümierten Blüten, Blättern und bunten Baumrinden. Felix, der vorgesehen war, ein paar Dankesworte zu sagen, hatte sein „Cadeau“ noch in der Hand, als er vortrat, nach einem Spickzettel wühlte und dann prompt M. Le Maire Rolland sein Geschenk vor die Füße warf.
Da es sich um keinen Fehdehandschuh handelte, nahm M. Rolland Felix' letztlich doch auswendig gesprochenen Dank beifällig entgegen.
Das „Cadeau“ entsorgte ich dann später in Danielles Poubelle.

Zu erwähnen bleiben noch die vielen gemeinsamen Ausflüge, die wir sowohl in Frankreich als auch in Deutschland gemacht haben.
Dass wir jedes Jahr einmal den Golf überquerten (natürlich per Schiff!), um Saint-Tropez zu besichtigen, war eine Selbstverständlichkeit. Ebenso war die Besichtigung von Port-Grimaud, der Lagunenstadt am Ende des Golfs, ein Muss. Im übrigen machten wir Ausflüge nach Cannes und den Illes de Lérins, Nizza, Biot und Grasse, Aix und Les Baux. Hyères und die Insel Port-Gros, die Abtei le Thoronnet, Saint-Paul-de-Vence mit der Maeght-Stiftung, die Calanques von Cassis, die Gorges du Verdon, Fréjus und vieles mehr.
Unseren Franzosen zeigten wir Heidelberg, Speyer, Baden-Baden, den Hohenzollern und Tübingen, den Lichtenstein mit der Bährenhöhle, natürlich mehrmals Stuttgart und die Wilhelma, Ludwigsburg und, was am besten ankam, die Schieferbrücke in Holzmaden, wo ein paar französische Jungen einen Ammonitenabdruck von ca. einem Meter Durchmesser fanden, der nun die Eingangshalle des Collège in Sainte-Maxime ziert.
Ganz glatt allerdings verliefen auch die Aufenthalte in Deutschland nicht. So geschah es im Jahre 1997, dass wir nach der Besichtigung des Heidelberger Schlosses zwei kleines Französinnen vermissten. Sie waren nicht etwa dem Zwerg Perkeo zum Opfer oder gar in dessen großes Fass gefallen, sondern sie hatten ganz einfach den Anschluss an die Gruppe verloren, als diese dem rückwärtigen Ausgang zusteuerte. Hilflos und verlassen fanden sie schließlich eine Telefonzelle, von der aus sie ihre Mamas in Sainte-Maxime zu Hilfe riefen. Das hätte beinahe internationale Verwicklungen zur Folge gehabt!
17 Jahre: Was ist geblieben?
Bei den meisten brach der Kontakt mit dem Austauschpartner irgendwann ab. Doch die Erinnerung an eine Stadt am Meer, in der die Menschen auf etwas andere Art leben als bei uns, ist wohl geblieben.
Bei einigen wenigen ist eine echte Freundschaft entstanden: So bei Iris, die später mit ihrer Französin zusammen studierte, bei Thilo, der seinen Corres Luc heute noch mit Frau und Kindern besucht, bei Simone, die mir vor Jahren eine Postkarte aus Rom schickte, wo sie mit „ihrer“ Französin Véronique die Ferien verbrachte und bei deren Hochzeit sie in Sainte-Maxime war, ebenso wie Véronique bei der ihren in Neuenbürg

Ganz zum Schluss sei noch erwähnt, dass 1993 aus diesem Schüleraustausch eine Städtepartnerschaft zwischen Sainte-Maxime und Neuenbürg entstand, und dass auch ich in Danielle Paturet eine gute Freundin gefunden habe.

Bonne chance aux échanges futurs!

Quelle: Jahresbericht 1998–2000 (S. 82–84)