Artikel: Berufserkundung Gymnasium (2000)

... und einige subjektive Gedanken dazu

von Dietrich Hauck

Mit einem Erlass von 1995 wurde die „Berufserkundung Gymnasium“, kurz Bogy genannt, für die Gymnasien eingeführt. Die Schüler, bevorzugt der Klassenstufe 10 oder 11, sollen durch ein einwöchentliches Praktikum in einem Betrieb die Berufswelt kennenlernen und Kriterien für ihre Berufswahl finden. Unausgesprochen steht hinter diesem Erlass wohl auch die Hoffnung, dass einige Schüler die Schule verlassen und in den Beruf wechseln möchten. Wenn dieser Wunsch wirklich bestand, hat er sich an unserer Schule jedenfalls nicht erfüllt. Warum auch sollte jemand, der sich schon bis zur 11. Klasse hochgearbeitet hta, ohne Not auf das Abitur verzichten? Die Durchführung von Bogy ist zwar nur eine Kann-Vorschrift, aber der Druck von Eltern und Schülern und zunächst auch die Erwartungen von uns Lehrern waren so groß, dass es überhaupt nicht in Frage kam, Bogy nicht durchzuführen.
Das Praktikum dauert eine Woche, die Schülerinnen und Schüler dürfen keine Entlohnung annehmen und müssen sich selbst um eine Stelle bemühen; sie sollen in dieser Zeit von einem Lehrer betreut werden. An unserer Schule ist diese Aufgabe gemäß der Verordnung in erster Linie den Gemeinschaftskundelehrern übertragen; falls nötig sollen ihnen die Geschichte- und Erdkundelehrer helfen. Als Gemeinschaftskundelehrer habe ich 1999 und 2000 zwei Klassen bei Bogy betreut. Um die dabei gemachten Erfahrungen geht es in diesem Bericht.

Nach längerer Überlegung wurde beschlossen, Bogy an unserer Schule in der Klassenstufe 11 durchzuführen. Der Grund für diese Entscheidung war in erster Linie, dass den Hauptschülern, die ihre Berufserkundung in der Klassenstufe 8 oder 9 durchführen, möglichst wenig Konkurrenz gemacht werden sollte. Wir gingen davon aus, dass in unserer strukturschwachen Region es problematisch werden könnte, geeignete Stellen zu finden. Ich bin mir aber nicht sicher, ob diese Rechnung aufging, denn viele Praktikumsplätze, die unsere Schüler bisher erhielten, waren sicherlich auch für Hauptschüler geeignet.
Als sehr unangenehm hat sich herausgestellt, dass in der derselben Klassenstufe 11 auch noch eine Lehrfahrt durchgeführt wird. Diese beiden Sonderveranstaltungen von jeweils einer Woche im selben Schuljahr stellen eine schwere zeitliche und organisatorische Belastung dar. Eine Änderung erscheint mir dringend nötig und soll im Zusammenhang mit der Strukturreform der gymnasialen Oberstufe etwa ab dem Schuljahr 2004/2005 durchgeführt werden. Aber unabhängig davon, in welcher Klassenstufe Bogy durchgeführt wird, es kommt zu erheblichen Störungen. Es ist nicht nur die eine Woche, in der der Unterricht ausfällt, dadurch wird auch noch der Zeitraum für die notwendigen Klassenarbeiten und Tests verkürzt; weil nach der Woche Bogy die Schüler sich erst wieder in die Schule einarbeiten müssen, können die ersten Arbeiten danach erst nach einem gewissen zeitlichen Abstand geschrieben werden. Wenn in der entsprechenden Klassenstufe noch weitere Aktivitäten vorgesehen sind, wie in der Klassenstufe 11 die Lehrfahrt, vervielfältigen sich die Schwierigkeiten. Auch das Verlegen von Bogy zur Klassenstufe 10 brächte Probleme wegen der zentralen Klassenarbeiten und der Fahrt nach Dachau. Außerdem unterrichtet der betreuende Lehrer ja nicht nur diese eine Klasse, er hat auch noch andere Klassen und Kurse zu unterrichten. Diesen Unterricht kann er in der entsprechenden Woche nicht halten; in den Kursen der Jahrgangsstufen 12 und 13 fällt er völlig aus, in den niedrigeren Klassen zum größeren Teil.

Nach dem Praktikum sollen die Schüler ihre Erfahrungen aufarbeiten. In der Regel geschieht das, indem sie einen mehr oder minder langen Bericht über ihre Tätigkeit verfassen. Mir erschien und erscheint diese Methode zu zeitraubend. Die Schüler der Klassenstufe 11 sind sowieso schon stark belastet und ich als betreuender Lehrer, der diese Berichte lesen und beurteilen soll, erst recht; außerdem fehlt mir dann noch das nötige Wissen, um unterscheiden zu können, ob mir Dichtung oder Wahrheit vorgelegt wird. Ich wählte deswegen einen anderen Weg. Gleich nachdem ich die Schüler wieder im Unterricht vor mir hatte, führte ich eine anonyme Befragung durch. Diese wertete ich aus und besprach sie dann mit den Schülern. Auf dieser anonymen Befragung beruht dieser Bericht zum großen Teil. Bei der zweiten Klasse habe ich noch eine namentliche Befragung durchgeführt, aber hier warte ich noch auf das Vergleichsmaterial mit der Klasse, die ich in diesem Schuljahr betreue.
Die Schüler konnten die Idee von Bogy mit der ihnen geläufigen Notenskala von 1 bis 6 bewerten. 1999 erhielt diese Idee die Traumnote von 1,6, die Klasse im nächsten Jahr billigte ihr nur 2,3 zu. Ob das einen generellen Trend signalisiert oder nur den Unterschied der beiden Klassen widerspiegelt, wage ich nicht zu beurteilen. Als ich aber die Schüler nach der Bewertung der eigenen Erfahrung fragte, lag sie mit 2,3 bzw. 3,0 deutlich niedriger. In der zweiten Klasse wurde sogar zweimal die Note 6 erteilt. Ich gehe davon aus, dass für viele die Wirklichkeit enttäuschend war, sie aber nicht zugeben wollten, dass sie sich bei der Bewertung der Idee geirrt haben. Diese Überlegung wird gestützt durch die Antworten auf eine weitere Frage. Die Schüler sollten angeben, ob sie diese Beruserkundung auch in den Ferien übernehmen würden: „in jedem Fall“, „ja, aber nur gegen Bezahlung“, „nein“. Der überwiegende Teil, nämlich in der ersten Klasse 19 von 28, und in der zweiten 15 von 25, entschied sich für „ja, aber nur gegen Bezahlung“. Daraus ist wohl zu schließen, dass die Hauptattraktion von Bogy darin besteht, eine Woche lang nicht zur Schule gehen zu müssen. Als Praktikanten für eine Woche werden sicherlich die meisten mit Samthandschuhen angefasst, damit kann die Schule natürlich nicht konkurrieren. Die guten Beziehungen zu den Arbeitskollegen werden denn auch immer wieder gerühmt. Die sich aufdrängende Frage, wie das Verhältnis wohl nach einigen Wochen oder Monaten aussähe, kann leider nicht beantwortet werden.
Bei der Umfrage waren sich die Schüler einig, dass eine einzige Woche in keiner Weise ausreicht, um einen Eindruck von dem betreffenden Beruf zu erhalten; es gab fast niemanden, der mit der einen Woche einverstanden gewesen wäre. Durchgängig war die Meinung, dass das Praktikum allermindestens zwei Wochen, besser etwa vier Wochen dauern sollte. Ich möchte dem zustimmen, daran aber noch die Frage knüpfen, ob es nicht sinnvoller wäre, wenn die interessierten Schüler sich in den Ferien für vier Wochen eine bezahlte Stellung suchten. Erstens bekämen sie Geld dafür, und zweitens würden sie bestimmt stärker zur Arbeit herangezogen und bekämen so einen intensiveren Eindruck von der Arbeitswelt. Die restlichen beiden Woche der großen Ferien würden zur Erholung ausreichen. Ein größerer Teil unserer älteren Schüler jobt sowieso schon in den Ferien und einige sogar in der Schulzeit – was ich aber nicht gutheiße. Diesen Schülern kann Bogy nichts Neues bieten.

Die betreuenden Lehrer sollen regelmäßig zu den Betrieben Kontakt halten. Diese Forderung ist nach meinen Erfahrungen nicht zu erfüllen. Da die einzelnen Praktikumsplätze weit auseinander liegen, können in der zur Verfügung stehenden Zeit, von montags nachmittag bis freitags mittag, vielleicht etwas über die Hälfte der Schüler besucht werden, von „regelmäßig“ kann keine Rede sein. Auch erscheint es mir fraglich, ob ein Besuch überhaupt erwünscht ist. Bei meiner ersten Klasse wurde mir bei meiner anonymen Befragung nur zweimal geantwortet, mein Besuch sei „nützlich“ gewesen, dazu kam einmal der Wunsch, es hätten mehr Besuche sein können. Dem stand einmal die Antwort „störend“ gegenüber. Aber von 15 Schülern, von über der Hälfte, wurde mir geantwortet, mein Besuch habe keine Rolle gespielt. Bei der zweiten Klasse war das Ergebnis eher noch schlechter: einmal „nützlich“, einmal „störend“ und 17 mal die Antwort „spielte keine Rolle“; ich nehme an, dass viele Antworten mit „spielte keine Rolle“ die höfliche Ausdrucksform für „störend“ waren. Wenn man dieses magere Ergebnis damit in Verbindung bringt, dass ich einige hundert Kilometer verfahren habe und jedesmal an vier Tagen meinen Unterricht habe ausfallen lassen müssen, kommen mir Zweifel am Sinn dieser Bestimmung.
Von Interesse wäre, wie die Arbeitgeber Bogy im allgemeinen und ihre jeweiligen Praktikanten im besonderen beurteilen. Wenn sie sich um ihre Praktikanten bemühen, so wie es die Verordnung vorsieht, kostet das einige Mühe und vielleicht auch Geld. Eine Anzahl größerer Betriebe leistet diesen Aufwand tatsächlich. So versammelt z.B. eine Bankenkette am Freitag Nachmittag, wenn alles gelaufen ist, alle seine Prakikanten der Region noch einmal zu einem Seminar, um deren Erfahrungen aufzuarbeiten. Andere Betriebe geben ihren Praktikanten bereits mehr oder minder ausgearbeites Material mit, das sie für ihren Bericht verwerten können und wohl auch verwerten sollen. In kleineren Betrieben laufen die Praktikanten irgendwie nebenher; ob sie aber als hilfreich oder nur als lästige Pflicht empfunden werden, wäre interessant zu wissen. Die Betriebe, die Praktikanten aufnehmen, müssen sich davon irgendetwas versprechen, und wenn es nur ein guter Eindruck nach außen ist. Aber was ist mit den anderen Betrieben? Und wie groß ist deren Prozentsatz? Leider kann ich diese Fragen nicht beantworten, und insofern fehlt ein wichtiger Teil in der Beurteilung von Bogy.

Meine persönlichen Erfahrungen als betreuender Lehrer waren gut. Ich lernte bei einer größeren Anzahl von Besuchsfahrten den Nordschwarzwald erheblich besser kennen – einschließlich einiger nicht geplanter Nebenstraßen. Dazu hatte ich viele sehr angeregte und anregende Gespräche mit Geschäftsinhabern bzw. Betreuern der Praktikanten, in einigen Fällen verbesserte sich mein Kontakt zu Schülern ganz erheblich. Ich bin fast geneigt zu sagen, dass ich – trotz meiner Belastung – derjenige war, der von Bogy am meisten profitierte. Aber das ist nicht der Sinn von Bogy.
Meine zusammenfassende und abschließende Beurteilung ist, dass der Aufwand an Zeit und Mühe, dazu noch die Störungen im Unterrichtsablauf anderer, nicht betroffener Klassen und Kurse den Nutzen von Bogy nicht aufwiegen.

Quelle: Jahresbericht 1998–2000 (S. 43–45)