Artikel: Gedanken zum 25. französischen Schüleraustausch (2008)

Gedanken zum 25. Schüleraustausch zwischen dem Gymnasium Neuenbürg und dem Collège Berty-Albrecht in Sainte-Maxime

von Sigune Kröger

25 ist eine jubiläumsverdächtige Zahl. Auf jeden Fall aber hat sie bei mir einen mächtigen Rechen-Impuls provoziert.

Man stelle sich vor, dass bei 25 Austauschen mindestens 900 französische und deutsche Schüler beteiligt waren, dass also 1.800 Mal die Grenze nach Frankreich und 1.800 Mal die Grenze nach Deutschland überschritten wurde, ob nun mit Bus, Zug oder wie erst seit wenigen Jahren im Flugzeug. Das Verkehrsmittel spielt dann eine Rolle, wenn uns die Anzahl der Reisestunden interessiert, denn mit Bus oder Zug haben wir pro Fahrt mindestens 12 Stunden gebraucht, mit dem Flugzeug summa summarum 6 Stunden. Also 1.000 Reisestunden (für die deutschen und die französischen Schüler) müssen wir da mindestens veranschlagen (und dann könnten wir jetzt noch mit 900 multiplizieren). Und erst die Zahl der beim Austausch verlebten Stunden! Da bei den ersten Austauschen der Aufenthalt sowohl in Neuenbürg als auch in Sainte-Maxime zwei Wochen dauerte, müssen wir über 9.000 Austauschstunden ansetzen. Und das wollen wir jetzt wirklich noch mit 900 multiplizieren: wir kommen auf die stattliche Zahl von 8.100.000 Austauschschülerstunden (die Austauschlehrerstunden lassen wir jetzt mal bescheiden beiseite), das sind immerhin 937,5 Jahre.

Mindestens 6.000 Mal haben deutsche und französische Lehrer/-innen irgendwelche Tickets und Eintrittskarten verteilt und ermahnt: „Bitte nicht verlieren... die brauchen wir noch mal!“

Wie oft haben sich zweimal 900 Füße zum Bahnhof Neuenbürg bewegt, um mit dem Zug zum Ausflugsziel zu gelangen, und später dann vom Bahnhof zum Gymnasium hochgeschleppt; und wie viele ungnädige Flüche sind da aus mindestens 900 Mündern entwischt, dass dieser Schwarzwald aber auch so hohe Berge hat. Und die Zahl der Seufzer, wenn der Weg gar vom Bergwerk bis zum Schloss führte, war Legion.

Leichter zu zählen sind da schon die 25 Empfänge im Rathaus Neuenbürg und die 25 in der Mairie von Sainte-Maxime. Leicht zu erfassen auch die Anzahl der von mutigen Schülern in der Fremdsprache formulierten und gesprochenen Dankesworte an den Herrn Bürgermeister und die Gastgeber. Die Zahl jedoch der bei diesen Empfängen geleerten Colaflaschen und genossenen Butterbrezeln oder Canapés führt weit über die Tausendergrenze.

Wenn wir nun vollends all die von Lehrern und Schülern im Rahmen des Austausches bei Ausflügen zu Lande und zu Wasser zurückgelegten Kilometer errechnen wollen, so landen wir bestimmt bei 2 Millionen, eine 5-fache Erdumrundung.

Was sich aber nicht zählen, sondern nur er-zählen lässt, das sind die vielen, vielen Erfahrungen von Aufregung, Staunen und Verwunderung bei den Begegnungen mit Menschen in und aus einem anderen Kulturkreis: die Angst vor den ersten selbständig gesprochenen Sätzen in der fremden Sprache und die Freude, wenn man Erfolg damit hat; die Verwunderung über die Andersartigkeit z.B. des Schulsystems in Frankreich (so z.B. der Schock über das Geschrei und Geschimpfe der „surveillants“ im Schulhof); das Staunen über das gut funktionierende Schulrestaurant-System und über das leckere französische Essen überhaupt; die Freude über die südfranzösische Landschaft und die Nähe zum Meer... usw. usw. Hier beginnen jetzt zahllose Erlebniserzählungen!

Ungezählt lassen wir auch die heimlichen Heimwehtränen hier und dort. Und unzählbar sind die Abschiedstränen darüber, dass die schönen Tage im Schwarzwald oder am Meer schon vergangen sind, wo man fern der wachsamen Elternaugen so ein (klein) bisschen über die Stränge zu schlagen hoffte. Aber – bleiben wir ehrlich – noch „viel unzählbarer“ sind beim Abschied die Erleichterungsseufzer, dass es nun wieder in vertraute sprachliche und kulturelle Gefilde geht.

Und ganz zum guten Schluss: Bei 25 Austauschen immer wieder die Erfahrung, dass in Nachbars Garten die Kirschen viel roter und reifer sind, dass sie aber nirgends so gut schmecken wie zu Hause bei Papa und Mama.