Exkursionen nach Dachau (Bayern)

Die Fachschaft Geschichte organisiert jedes Jahr für die Schüler der 10. Klassen – künftig werden es die 9. Klassen sein – eine Exkursion zur KZ-Gedenkstätte in Dachau. Ausgehend von der Behandlung der Zeit des Nationalsozialismus im Geschichtsunterricht ist es das Ziel, den Schülern am Ort des Geschehens weitere, unmittelbare Eindrücke von dem menschenverachtenden System der NS-Diktatur zu vermitteln. Vorbereitet wird die Fahrt nach Dachau durch die Vorführung des Films „Schindlers Liste“, der in der Regel einen Tag zuvor von der Fachschaft Ethik / Religion vorgeführt wird. In der Gedenkstätte findet eine Führung durch die Geschichtslehrer der Klassen statt. Im Anschluss an den Besuch der Gedenkstätte wird den Schülern die Möglichkeit gegeben, auch die Altstadt von Dachau kennenzulernen, um – wie das Bayrische Kultusministerium empfiehlt – der „unreflektierten Gleichsetzung von Stadt und KZ Dachau entgegenzuwirken“. Für die Exkursion werden Zuschüsse aus Landesmitteln gewährt.

Die folgende Auswahl von Erfahrungsberichten dokumentiert auf exemplarische Weise, dass die Schülerinnen und Schüler im Zusammenhang mit dem Besuch der KZ-Gedenkstätte zu einer vertieften Auseinandersetzung mit den Gräueln der NS-Herrschaft gelangen.

Zeichnung: Lena Gärtner (2009)

Kim Hillius und Alicia Küper (2015)

Schüler der Klasse 9a (2014)

Jan Ehrhardt (2008)
„Schon als wir durch das noch gut erhaltene originale Eingangstor mit der Inschrift „Arbeit macht frei“ gingen, überkam mich ein sehr beklemmendes Gefühl. Wir standen mitten auf dem Appellplatz...“ (mehr)

Lena Merkle, Céline Braun und Hannah Bott (2008)
„Wieder einmal stand im März der alljährliche Dachaubesuch der zehnten Klassen des Gymnasiums Neuenbürg an. Doch mit einem vergnüglichen Klassenausflug hatte die Exkursion eher wenig zu tun...“ (mehr)

Lisa Zordel und Melisa Özkan (2008)
„[...] Dieses Konzentrationslager wurde am 22. März 1933 als erstes Arbeitslager von den Nationalsozialisten errichtet. Dachau sollte als Arbeitslager und Straflager dienen...“ (mehr)

Victoria Becht (2008)
„Als Adolf Hitler 1933 in Deutschland an die Macht kam, begann in unserem Land eine Zeit des Terrors und der Angst. Wie gern möchte man das alles ungeschehen machen und vergessen...“ (mehr)

 

Studienfahrten zu den Gedenkstätten nationalsozialistischen Unrechts

Über 25 Jahre Gedenken in Dachau und Struthof

von Heinrich Lotz

„Die sich des Vergangenen nicht erinnern, sind dazu verurteilt, es noch einmal zu erleben“, schreibt der amerikanische Religionsphilosoph George de Santayana in seinem Buch “Life of Reason” von 1922.

Am 20. Januar 1942, also zwei Jahrzehnte später, werden führende National-sozialisten unter der Leitung  von SS-Obergruppenführer Heydrich am Berliner Wannsee die massenhafte, fabrikmäßige Vernichtung der europäischen Juden, die sogenannte „Endlösung“ beschließen.

So geschichtsphilosophisch weise und universell gültig das Wort Santayanas ist, so schwer wird es vielen Deutschen nach dem Ende des „Dritten Reiches“ fallen, den Massenmord von 5,3 Millionen europäischer Juden durch die Nationalsozialisten mit ihrer Vorstellung von deutscher Geschichte und von sich selber in Zusammenhang zu bringen.

„Würden wir uns ein Auslöschen dieser Erinnerung wünschen, dann wären wir selbst

die ersten Opfer einer Selbsttäuschung. Denn es ist vor allem unser Interesse, aus der Erinnerung zu lernen. Die Erinnerung gibt uns Kraft“, so der Ex-Bundespräsident

Roman Herzog, „weil sie Irrwege vermeiden hilft.“

„Irrwege vermeiden“ helfen – dies darf sicher als ein Hauptmotiv gelten, weshalb die Fachschaft Geschichte des Gymnasiums Neuenbürg seit 1985 mit jeweils allen Schülerinnen und Schülern der Jahrgangstufe 10 (und 9 in G 8) den Unterricht für einen Schultag in die Gedenkstätte eines ehemaligen Konzentrationslagers verlegt.

Welchen Sinn haben die Besuche von KZ-Gedenkstätten?

Zunächst sollte es um die Beantwortung der Frage gehen: „Was ist damals geschehen?“ Diese historische Objektivität fordert der Lehrplan vom Geschichts-lehrer. Die Verbrechen des Nationalsozialismus sind der heutigen Jugend weit-gehend nicht präsent. Wo aber historisches Wissen fehlt, ist die Gefahr groß, dass Verharmlosungen oder gar Leugnungsversuche durch Neo-Nazis auf fruchtbaren Boden fallen. Von solch fehlgeleiteter Wahrnehmung historischer Fakten ist es dann nicht mehr weit bis zur neuerlichen Glorifizierung nationalsozialistischen „Ideen-gutes“.

Gedenkstätten wie die des Dachauer Konzentrationslagers sind besonders geeignet, anschaulich zu zeigen, was das nationalsozialistische Terrorregime in letzter Konsequenz bedeutet hat. Das Dachauer Lager war das erste KZ im NS-Staat, das SS-Reichsführer Himmler am 21. März 1933 errichten ließ. Mit angeschlossenem SS-Lager bildete es eine Art „Muster-KZ“, in dem z. B. SS-Leute wie Eichmann, der Organisator des Holocaust, oder Höss, der Kommandant des Vernichtungslagers Auschwitz, „ausgebildet“ wurden.

Nach fünfundzwanzig Jahren Lernens an Gedenkorten wie „Dachau“ oder „Struthof“ lässt sich als gesicherte Erfahrung formulieren, dass sich der Besuch in Begleitung eines Fachpädagogen, der seinen Schülerinnen und Schülern Fragen beantworten und ein echter Gesprächspartner sein kann, durch andere Informationsmöglichkeiten (Fachbücher, Literatur, Fernsehen, Internet, Diskussion) nicht ersetzen lässt.

Ausgehend von gesicherter historischer Information muss es auch darum gehen,

vom damaligen Geschehen her Schlussfolgerungen für die Gegenwart zu ziehen.

Dabei sollte nicht die Frage nach der Schuld im Vordergrund stehen. Es geht nicht um Anklage oder Freispruch einer ganzen Generation, sondern um die Erkenntnis der Ursachen, die Menschen befähigen, Menschen solches anzutun.

Ein vorrangiges Erkenntnisziel könnte es sein, die Einsicht zu vermitteln, dass Hitler kein Zufall war, kein einmaliges Unglück, das sich nicht wiederholen kann, sondern dass dieses Geschehen im Rahmen des Menschenmöglichen lag und – liegt.

Eine an der Erziehung zur moralischen Mündigkeit der Jugendlichen orientierte

Pädagogik wird nicht bei der Vermittlung historischen Faktenwissens stehenbleiben,

sondern die Erkenntnis der äußeren und inneren Ursachen des Nationalsozialismus

und ähnlicher „Bewegungen“ anstreben.

Ein Gedenkstättenbesuch kann die Sinne der jungen Heranwachsenden schärfen,

verschiedene Arten politischen Machtmissbrauchs zu erkennen, und den Willen wecken, ihnen aktiv entgegenzuwirken.

Seit 1989 fördert das Kultusministerium Baden-Württemberg Studienfahrten zu

den Gedenkstätten nationalsozialistischen Unrechts. In einem Rundschreiben  vom 4. Dezember 2000 an die “allgemeinbildenden und beruflichen Schulen sowie die Träger der Jugendarbeit in Baden-Württemberg“ begründet Ministerialdirigent Halder

diese Förderungspraxis nach dem Landesjugendplan: „Gerade junge Menschen erhalten mit den Fahrten zu den Gedenkstätten nationalsozialistischen Unrechts einen Anlass, sich mit dem Grauen totalitärer Herrschaft und ihrer Folgen auseinander zu setzen. Vor dem Hintergrund in der Öffentlichkeit bekannt gewordener extremistischer Gewalttaten bedeutet dieses Angebot einen wichtigen

präventiven Beitrag für Schule und Jugendarbeit.“

Anna Sacco, eine Schülerin des Gymnasiums Neuenbürg, die über den Besuch  der KZ-Gedenkstätte Dachau im Jahre 1999 für unsere Schul-Homepage ihre Eindrücke

zusammenfasste, schloss ihre Ausführungen so: „ Diesen Bericht beende ich mit den

Schlussworten des Leiters einer Bundeswehrgruppe (von denen übrigens einige da

waren – was wir sehr gut fanden): ,IHR SEID ZWAR NICHT SCHULD; ABER IHR SEID DIE ZUKUNFT; ALSO MACHT WAS DRAUS!’“

Im Rahmen des von der polnischen Regierung ausgerichteten Festprogramms zur

Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz vor 60 Jahren am 27. Januar 1945

erinnerte die französische Politikerin Simone Veil als Vertreterin der jüdischen Opfer

an ihre Leidensgenossen, die Auschwitz nicht überlebt hatten. „Was wäre aus ihnen geworden, aus den Millionen jüdischer Kinder, die hier in ihrer Kindheit oder in ihrer Jugend ermordet wurden? Alles, was ich weiß, ist, dass ich nicht aufhören kann zu weinen, wenn ich an sie denke, und dass ich sie nie vergessen werde.“