Artikel: Das Gymnasium Neuenbürg auf dem Weg zur „Höhe“ (1999)

von Hermann Gentner

Als die Stadt Neuenbürg im Vorgriff auf einen geplanten Markungsausgleich am 4. Juli 1970 mitten im Wald in einer schlichten Feier den Grundstein für ein neues Schulgebäude legte, hatte die Schule eine bewegte Geschichte hinter sich, die geprägt war von einer kaum vorstellbaren Not. Das alte Gebäude in der Bahnhofstraße, das die Volksschule, die Oberschule für Jungen und die Gewerbeschule beherbergte, mußte gegen Kriegsende noch Pforzheimer, die durch den Bombenangriff obdachlos geworden waren, aufnehmen. Entgegen verschiedener Aussagen bestand die Oberschule ohne längere Unterbrechung weiter, wie die lückenlos vorhandenen Notenlisten beweisen. Unter abenteuerlichen Umständen und mit großen persönlichen Opfern wurde der Unterricht unter der kommissarischen Leitung von Frau Dr. Eichhorst nach der Kapitulation 1945 teilweise im Freien (im Schloßgarten) weitergeführt.

Zu den Ironien der Lokalgeschichte zählt, daß die Zonengrenze und die totale Zerstörung Pforzheims die Neuenbürger Oberschule zur Vollanstalt gemacht haben, so daß 1949 die erste Abschlußklasse das Abitur ablegen konnte, damals noch schulübergreifend: Schriftliche Prüfung am Kepler-Gymnasium Tübingen, mündliche Prüfung in Nagold. Die Bezeichnung „Gymnasium“ bekam die Schule erst 1953.

Mit folgenden Maßnahmen hat der Schulträger die Verhältnisse nach und nach verbessert:

  • 1948: Wiederverwendung der alten Burgschule
  • 1954: Neubau der Volksschule am Häglesweg
  • 1961: Auflösung der Gewerbeschule
  • 1963/64: Aufstockung der Volksschule: Erst jetzt stand das alte Gebäude nahezu allein dem Gymnasium zur Verfügung.
  • 1967/68: Neubau des ev. Gemeindehauses: Zwei Räume im Erdgeschoß, heute Gruppenräume, konnten als Klassenzimmer genutzt werden.
  • 1970: Neubau der Sparkasse: Das alte Kino, das während der Bauphase die Sparkasse beherbergte, wurde für den Unterricht möbliert. (Heute Jugendmusikschule)

Nachdem 1952 die Schülerzahlen, vermutlich durch den allmählichen Wegfall der Schüler aus Pforzheim und Birkenfeld, kaum zugenommen hatten, wuchs ihre Zahl in den folgenden Jahren so schnell an, daß alle genannten Baumaßnahmen des Schulträgers der tatsächlichen Entwicklung immer hinterherhinkten. Nur dem großen Lehrermangel und dem dadurch verursachten Unterrichtsausfall – zeitweise hatte jede Klasse einen Wochentag frei – war es zu verdanken, daß die Räume notdürftig ausreichten. Allen wurde klar, daß die Schule in der Tallage keine Zukunft hatte. Herr Heldmaier, der die Schule ab dem Schuljahr 1950/51 leitete und sie noch 16 Jahre führen sollte, arbeitete zusammen mit Frau Dr. Eichhorst zielstrebig auf eine Neubaulösung hin, die er als amtierender Schulleiter allerdings nicht mehr erleben konnte. Genau im Jahr seiner Pensionierung 1966 war der Planungsbeginn. Nach einem Wettbewerb erhielt durch Beschluß des Stadtrates vom 24.10.67 das Architektenbüro Linder und Sommer in Stuttgart den Zuschlag. Im Jahresbericht 1967/68 konnte Herr Liede als neuer Schulleiter das Modell des geplanten Neubaues auf dem Buchberg Schülern und Eltern vorstellen. Seltsamerweise legte die Kultusverwaltung, damals noch das Oberschulamt Tübingen, diesem Bauvorhaben große Hindernisse in den Weg. Sie favorisierte eine Vollanstalt in Wildbad und behinderte, wo es ging, das Bauvorhaben der Stadt Neuenbürg. Die tatsächliche Entwicklung der Schülerzahlen hat diesem Taktieren der vorgesetzten Behörde ein Ende gesetzt.

Allerdings muß auch gesagt sein, daß der damalige Schulbetrieb nicht dazu angetan war, den Schulstandort Neuenbürg besonders zu fördern.Im Kollegium führte eine falsch verstandene Fortschrittsgläubigkeit mehrerer Junglehrer, die in den Jahren 1965 bis 68 der Schule zugewiesen wurden, und die auf die Gymnasien überschwappende Studentenrevolte zu einer häßlichen Polarisierung zwischen konservativ-autoritären und scheinbar progressiv-antiautoritären Kollegen. Auch ältere Kollegen spielten dabei teilweise eine ungute Rolle. Viele hatten vergessen, daß Toleranz, Wahrhaftigkeit, Kollegialität und Kooperation an einer Schule nicht nur gelehrt, sondern auch praktiziert werden sollen. Herr Liede war in seiner ruhigen, rücksichtsvollem und menschlichen Art nicht in der Lage, diesem Treiben ein Ende zu setzen. Als Herr Heidt am 15.04.69 als Schulleiter in sein Amt eingesetzt wurde, erkannte er bald, daß trotz bestgemeinter Bemühungen nur eine geeignete Personalpolitik das Problem lösen konnte. Dabei war auch er weitgehend auf sich allein gestellt, die Unterstützung der Schulaufsichtsbehörde war gering.Unterstützt wurde er in dieser schwierigen Phase von Herrn Bürgermeister E. Fischer und vom damaligen Vorsitzenden des Elternbeirates, Herrn Bürgermeister W. Wessinger, ohne damit die Verdienste anderer am Schulleben beteiligter schmälern zu wollen. Ausdrücklich seien auch die Schülervertretungen erwähnt. Die neuen SMV-Gremien arbeiteten von nun an konstruktiv mit. Ich erinnere mit Absicht an diese für die Schule unschöne Zeit, um damit zu mahnen, ein gutes, menschliches Schulklima nicht leichtfertig aufs Spiel zu setzen. Natürlich hat das neue Gebäude zur Verbesserung beigetragen, optimal waren die Verhältnisse trotzdem nicht. Trotz dünner Finanzdecke wollte der Schulträger großzügiger bauen. Die Schulverwaltung hatte jedoch in der Planungsphase vier Klassenzimmer und eine Aula gestrichen und die Zuschüsse für eine dreiteilige Sporthalle verweigert. Deshalb mußten schon vor dem Einzug behelfsmäßig zwei Klassenzimmer geschaffen werden, um nicht gleich wieder mit Wanderklassen beginnen zu müssen. Später wurden auch naturwissenschaftliche Fachräume und der Werkraum als Klassenzimmer verwendet. Trotzdem ließen sich bald Wanderklassen nicht mehr vermeiden.

Die Gemeindereform Ende 1973, die die kommunalpolitische Bedeutung Neuenbürgs weiter verminderte, brachte der Schule doch einige Vorteile:

  1. Das Gymnasium bekam für die Stadt eine noch zentralere Bedeutung.
  2. Der neu gebildete Enzkreis übernahm den Schuldendienst und nahm damit dem Schulträger eine große Sorge ab.
  3. Die vergrößerte Gemarkungsfläche der Gesamtgemeinde ermöglichte um die Schule eine großzügige Geländegestaltung.
  4. Der gleichzeitige verwaltungstechnische Wechsel zum Oberschulamt Karlsruhe machte das Gymnasium zur Ausbildungsschule.

Seit 1976 werden auch in Neuenbürg Referendare ausgebildet. Seit 1972 liefen in Baden-Württemberg Schulversuche zur Einführung der neuen gymnasialen Oberstufe, 1978 wurde sie an allen Gymnasien verpflichtend eingeführt. Der dadurch verursachte noch größere Raumbedarf machte einen Erweiterungsbau unumgänglich. Diesmal genehmigte die Behörde eine großzügige Lösung. Am 15.10.81 konnten die neuen Räume in einem hellen, freundlichen Haus der Schule übergeben werden. Da gleichzeitig die Schülerzahlen wieder leicht nachgaben, brachte dieses Gebäude endlich nach fast 50 Jahren die ersehnte räumliche Entlastung. Zahlreiche Änderungen innerhalb des Hauses wurden nun möglich, z.B. die Einrichtung neuer Fachräume und die Auslagerung der Lehrerbücherei aus dem viel zu klein gewordenem Lehrerzimmer. In den Jahren 1983/84 wurde die Stadthalle neben der Schule gebaut und damit in anderer Form das erreicht, was der Schulträger schon 1967 für den Sportuntericht vergeblich geplant hatte. 1985 und 1988 bekam der graue Betonbau durch eine grundlegende Außensanierung ein gefälliges Aussehen.Ebenfalls 1988 wurden alle Sport-Außenanlagen erneuert und mit einem Kunststoffbelag versehen. Mit dem Planungsbeginn 1990 für ein großes Sportgelände südwestlich der Schule, das 1995 vollendet sein soll, werden auch die Sportlehrer alle sächlichen Voraussetzungen für einen modernen Sportunterricht vorfinden. Noch nie in der langen Geschichte des Neuenbürger Gymnasiums war die räumliche und materielle Ausstattung der Schule so gut wie heute. Jeder Lehrer weiß, daß dies den Unterrichtserfolg noch lange nicht garantiert. Herr Heidt hinterläßt nach 22 Jahren Amtszeit, davon 19 Jahre im neuen Schulgebäude, eine lebendige Schule mit einem aktivem Kollegium und einem guten Schulklima. Das wachsende Einzugsgebiet, die wieder zunehmende Schülerzahl und die Anhänglichkeit der Ehemaligen bestätigen den insgesamt guten Ruf der Schule, die vor etwa 500 Jahren als kleine Lateinschule begann und sich durch gute und schlimme Zeiten zu einer ansehnlichen Bildungsanstalt entwickelt hat. Für den neuen Schulleiter ist dies eine große Verantwortung und Verpflichtung.