Artikel: Die Anfangszeit der Neuenbürger Lateinschule (1987)

von Dr. Dieter Rothenhöfer

Wenn eine Schule als öffentliche Institution begründet werden soll, dann braucht es dazu vor allem eine hinreichend große Zahl von Familien, die ihren Kindern bessere Bildungsmöglichkeiten eröffnen wollen und können. Hinzukommen muss aber auch das wachsende Bewusstsein einer breiteren Öffentlichkeit, dass solche Ausbildung nützlich und erstrebenswert sei.

Es ist darum kein Zufall, sondern durchaus logischer Zusammenhang, dass die Gründung der Neuenbürger Lateinschule in eine Epoche fällt, die sich durch einen ungeheuren Bildungsaufschwung auszeichnet. Es waren ja nicht nur die großen Entdeckungen wie etwa die Amerikas 1492, die für die Historiker den Anlass gaben, den Beginn der Neuzeit auf das ausgehende 15. Jahrhundert zu legen. Dazu kommen die großen wissenschaftlichen Leistungen vieler Forscher und Gelehrter der Renaissance und des Humanismus, die einen Ulrich von Hutten zu dem Ausruf hinrissen: „Oh Jahrhundert, oh Wissenschaften, es ist eine Lust zu leben.“ Von besonderer Bedeutung wurde dabei die Erfindung des Buchdrucks. Mit der Verbreitung gedruckter Bücher brauchte Bildung nicht mehr auf wenige Privilegierte beschränkt bleiben, die Zugang zu den wertvollen Handschriften hatten. Die Neugründung von Universitäten und Hochschulen tat ein übriges, um höhere Bildung als Vorbedingung für glanzvolle Karriere in Kirche, Staat und Gesellschaft attraktiver zu machen.

1477 gründete Graf Eberhard die Universität in Tübingen. Ihre Existenz hat in besonderer Weise auch in Neuenbürg Wirkung gezeigt. Denn bald finden sich in den frühen Studentenlisten Namen mit dem Herkunftsort „Novum castrum“, der latinisierten Form des Namens Neuenbürg. Zwar ist bei dem ersten, einem „Ambrosius de novo castro“, der sich gleich 1477/78 immatrikulieren lässt, noch nicht mit Sicherheit zu bestätigen, dass er aus Neuenbürg/Enz stammt, da es ja auch andere Neuenbürgs damals schon gab. Infolge seines seltenen Vornamens hat man bei der Eintragung auf den Familiennamen verzichtet, so dass es schwerfällt, ihn einer der damaligen Neuenbürger Familien zuzuweisen. Besser steht es in dieser Hinsicht bei Stephanus Epp „ex Nüwenburg“, der 1494 seine Magisterprüfung ablegte. In unserem Zusammenhang ist dabei weniger der möglicherweise falsch eingetragene Vorname wichtig, der in Wirklichkeit „Sigismundus“ geheißen haben könnte, sondern der Familienname „Epp“, da wenig später in Neuenbürg ein herzoglicher Untervogt gleichen Namens amtierte und deshalb wohl eine Linie dieses sonst in Württemberg weit verbreiteten Namens auch in unserer Stadt zugezogen war. Magister Epp übrigens blieb an der Universität und machte dort Karriere. Im Jahre 1504/05 konnte er sogar „Rector Magnificus“ in Tübingen werden.

Da diese Familie so bildungsbeflissen und auch kinderreich war, mögen von ihr wichtige Impulse für die städtische Lateinschule ausgegangen sein. Wir wissen von dem genannten Vogt Hans Epp, dass er wiederum elf Kinder hatte, von denen zwei in der Tübinger Matrikelliste erschienen. Sie studierten dort Ende der zwanziger Jahre des 16. Jahrhunderts, und als die Tübinger Universität wegen der ausbrechenden Pest teilweise nach Neuenbürg ausgelagert wurde (1530), haben vielleicht gerade diese Beziehungen der Familie Epp den ersten Impuls dazu gegeben.

Aber auch andere Familien suchten für ihre Söhne die „höhere“ Bildung. Im Jahre 1504 bezog ein „Anthonius Mollitor ex Nuwenburg“ die Universität. Dem Brauch der Zeit folgend ist hier wohl einfach der Beruf des Vaters als Familienname angehängt worden. Es könnte sich bei diesem Anton Müller also durchaus um den Müllerssohn aus der Mühle im Enzzwinger handeln. Ebenso verweist der Name des nächsten Studenten „Joannes Olificis ex Novo Castro“ auf den Beruf des Vaters, der eine Ölschlage betrieb. Tatsächlich existierte eine solche in Verbindung mit einer Sägmühle oberhalb der Stadt an der Enz. Wir kennen auch den Namen des damaligen Betreibers: Er nannte sich Arnolt Ölschlaher. Vervollständigt wird der Kreis der Studenten aus Neuenbürg von Valentinus Mayr (1523) und Jacobus Schaller (1524).

Es ist auch bemerkenswert, dass das relativ kleine Neuenbürg mit seinen ca. 300 Einwohnern bereits in vorreformatorischer Zeit immer wieder Studenten auf die Universität schicken konnte. Wenn wir davon ausgehen, dass jeder, der studieren wollte, ausreichend Latein verstehen und sprechen können musste, so ist dies ohne jahrelangen Lateinunterricht nicht denkbar. Dafür kann aber nur eine Lateinschule in Frage kommen, deren Existenz 1534 bei Einführung der Reformation bestätigt wird. Leider kann wegen unzureichender Quellenlage das Gründungsdatum nicht genau angegeben werden. Doch deuten alle Beobachtungen darauf hin, dass sie wohl schon im letzten Jahrzehnt des 15. Jahrhunderts bestanden haben muss. Als Lehrkraft könnte der Stadtschreiber eingesetzt worden sein, der ja auch über Lateinkenntnisse verfügt haben muss. Jedenfalls legte im Jahr 1551 der Stadtschreiber Johann Frank sein städtisches Amt nieder und widmete sich nur noch dem Schuldienst. Er ist deshalb der erste hauptamtliche „Präzeptor“ der Neuenbürger Lateinschule.

Natürlich darf man die damalige Lateinschule nicht einfach mit dem heutigen Gymnasium gleichsetzen. Schülerzahl, materielle Ausstattung, Fächerkanon und Lerninhalte – da liegen Welten dazwischen. Aber vielleicht ist es gerade deshalb reizvoll, einen Blick in die damalige Schulstube zu werfen, soweit die Hinweise auf den Unterrichtsbetrieb an anderen Schulen auch auf Neuenbürgs Lateinschule übertragbar sind, denn leider fehlen entsprechende Quellen.

Das Ziel, die lateinische Sprache mündlich und schriftlich ausreichend zu beherrschen, wurde möglichst direkt angesteuert. Die Schüler lernten Latein als „lebendige Sprache“: im Unterricht, aber auch in den Pausen und im Umgang miteinander, sollten sie nach einiger Zeit nur noch Latein reden. Beim „Rückfall“ in die deutsche Sprache wurden Strafen verhängt, oft bekam ein solcher Schüler den „Eselskopf“ aufgesetzt oder „Eselsohren“ umgehängt. Die ersten Buchstabierversuche, die Grundkenntnisse im Lesen und Schreiben wurden gleich mit dem Lateinlernen verbunden. Die erste Lesefibel enthielt neben dem ABC das Vaterunser, das Glaubensbekenntnis, das Ave-Maria und ähnlich bekannte Gebete in lateinischer Sprache. Die Grundlage des Unterrichts bildete die lateinische Grammatik. Dabei griff man auf eine Elementargrammatik des vierten Jahrhunderts n. Chr. zurück, den berühmten „Donat“, der Neuauflagen bis ins späte achtzehnte Jahrhundert erlebte. Daneben verwendete man als Lern- und Lesestoff eine Sammlung moralischer Sprüche aus dem dritten bis vierten Jahrhundert n. Chr., die unter dem Namen „Cato“ zusammengestellt worden waren. Da meist nur der Präzeptor ein Buch hatte, wurden die zu behandelnden Stücke an die Tafel geschrieben und erklärt, und bis zum nächsten Tag mussten die Schüler den Stoff auswendig lernen. Für die Fortgeschrittenen kamen dann noch zwei Fächer dazu: die Rhetorik als „Kunst der freien Rede“ und die Dialektik, die „Kunst des wissenschaftlichen Streitgesprächs“. Wer dann nach mehrjährigem Unterricht diese grundlegenden Fertigkeiten, das „Trivium“, beherrschte, konnte es wagen, auf die Universität zu gehen und sich die Fertigkeiten in Arithmetik, Logik, Musik und Astronomie, dem „Quadrivium“, anzueignen. Den Abschluss dieser Ausbildung in den „sieben freien Künsten“ bildete die Prüfung zum „Magister Artium“, eine Zwischenstufe war das „Baccalaureat“, das nach zwei Jahren Universitätsstudium erworben wurde. Wir wissen, dass Melanchthon bereits als Zwölfjähriger die Universität bezog. Er war aber sicherlich eine große Ausnahme. Die meisten Lateinschüler haben wohl nach acht- bis zehnjähriger Schulzeit, d.h. im Alter von fünfzehn oder sechzehn Jahren, das Studium begonnen, wenn sie den Kampf gegen Unterrichtsstoff und Lehrer unbeschadet überstanden hatten. Und dass viele damalige Schulmeister nicht zimperlich umgingen mit Stock oder Rute nach dem Grundsatz „Qui parcit virgae, odit filium suum“ (Wer die Rute schont, hasst seinen Sohn), berichten manche Lebenserinnerungen der Zeitgenossen. So kann man bei Luther folgende Äußerung lesen: „Es sind manche Präzeptoren so grausam wie die Henker. So wurde ich einmal vor Mittag fünfzehnmal geschlagen, ohne jede Schuld, denn ich sollte deklinieren und konjugieren und hatte es doch noch nicht gelernt.“ Und auch Melanchthon, ein gewiss überdurchschnittlich sprachbegabter Schüler, bekennt, von seinem eigentlich geschätzten Lehrer an der Pforzheimer Lateinschule für jeden Fehler, den er beim Zerlegen eines lateinischen Satzes gemacht hatte, mit Schlägen gestraft worden zu sein. Dass mancher Lehrer dabei jedes Maß verlor, bezeugt auch die Lebenserinnerung eines gewissen Johannes Pontzbach aus Miltenberg am Main. An einem Sommertag des Jahres 1490 hatte er die Schule geschwänzt, und das offensichtlich nicht zum ersten Male: „Als ich wieder eines Abends nicht aus der Schule, sondern aus dem Flusskahn nach Hause kam und den Eltern nicht wie gewohnt die an dem Tag vorgekommenen lateinischen Vokabeln aufsagen konnte, da waren sie stutzig. Sie bewiesen mir nämlich, dass meine Wörter dieselben waren, die ich vor wenigen Tagen schon einmal aufgesagt hatte. Am nächsten Tag wurde ich von der Mutter am Kragen genommen und in die Schule geschleppt. Ich wurde nackt an einen Pfosten gebunden, und der Lehrer schlug auf das heftigste und unbarmherzigste aus Leibeskräften auf mich los. Die übrigen Schüler mussten dabei ein Lied singen. Meine Mutter hörte mich auf dem Nachhauseweg schreien und kehrte um. Als sie mich am Marterpfahl sah, fiel sie in Ohnmacht. Nachher schwor sie, dass ich von Stund an diese Schule nicht mehr betreten solle und verklagte den Lehrer beim Rat der Stadt. Noch am gleichen Tag wurde der Lehrer aus der Schule gejagt.“ Sicherlich kann man solche Exzesse nicht verallgemeinern. Aber dass auch damals schon den Eltern die schulischen Verhältnisse nicht ganz gleichgültig waren, wird aus der letzten Geschichte deutlich. Und wahrscheinlich war die Absicht, die Schule in größerer Nähe und damit auch unter besserer Kontrolle zu haben, ein Nebenmotiv auch der Neuenbürger Schulgründung. Denn es gab zwar Schulordnungen, aber nur in einzelnen Städten. Und auch deren Formulierungen lassen eher den Abstand zwischen Ideal und Wirklichkeit ahnen, wenn wir lesen: „... daß der Schulmeister sich keiner mühe und arbeit darüber dauern lasse. Denn recht Schulhalten erfordert, daß der Praeceptor unverdrossen sei... denn die Schulmeister ihres Ampts nit vergessen, sonder wissen und darfür halten sollen, das jnen die Kinder nit als den Hirten das unvernünftig Vieh, sonder als himmlische Kleinat vertrauet und bevollen seien...“ Und dann folgt die Ermahnung für den Lateinunterricht: „Auch hierunter fleissiges auffmerkens hab, damit die Knaben nit irer Mutter Sprach, sonder die lateinische Sprachart nach die Vocales und Consonantes underschidlich und deutlich aussprechen. Die jhenigen aber, wölche von natur nit alle literas pronunciern künden, soviel müglich mit senfften, glimpffigen Worten unterweisen und understehen, inen den defeckt abzuziehen...“

Neben dem Sprachunterricht war der Alltag der Lateinschule stark gefordert vom Kirchendienst. Dazu gehörte die Sorge für den Kirchengesang. Eigentlich sollte dazu der Schulmeister einen „Kantor“ haben, doch dürfte in Neuenbürg diese Aufgabe beim Präzeptor hängengeblieben sein, der ja nach der Reformation auch noch das Aufgabenfeld des „deutschen“ Schulmeisters zugeordnet bekam. Jedenfalls hatte im Chörlein der alten Stadtkirche neben dem Obervogt, dem Pfarrer und einer weiteren Amtsperson auch der Präzeptor seinen Platz. Vor dem Altar das Pultbrett, an dem er dann mit seinen Schülern stand und die Gemeinde im Chorgesang unterstützte. Und zusätzliche Einkünfte aus dem Singen bei Hochzeiten oder Beerdigungen mögen dem Präzeptor nicht unerwünscht gewesen sein.

Doch gar so schlecht mag seine Stelle nicht bezahlt worden sein, sonst hätte der Stadtschreiber Frank seinen Posten bei der Stadt nicht aufgegeben, um ganz für die Schule dazusein. Vielleicht war dies auch die Folge der Neuregelung der kirchlichen Verhältnisse während der Reformationszeit, auf jeden Fall hatte der Präzeptor nach dem Kompetenzbuch von 1559 freie Wohnung, außerdem die Einkünfte aus der ehemaligen St.-Gilgen-Pfründe zusätzlich zu dem Ertrag aus „Wiesen und Grasrain“. Das brachte ihm 38 Gulden im Jahr. Da die Schüler auch noch Schulgeld zu zahlen hatten (im Vierteljahr zwei Schilling), konnten daraus jährlich etwa acht Gulden errechnet werden, falls fünfzehn Schüler die Schule besuchten. Mit Nebeneinnahmen konnte der Neuenbürger Praeceptor also etwa fünfzig Gulden Gehalt veranschlagen. Sein Calwer Kollege lag allerdings wesentlich über fünfzig Gulden, wenn er auch nicht an das Spitzengehalt des Tübinger Präzeptors heranreichte, der (ohne zusätzliche Einkünfte) ein Grundgehalt von hundert Gulden beanspruchen konnte.

Die Hauptschwierigkeit für den Neuenbürger Präzeptor bestand jedoch darin, dass er sein Gehalt selbst eintreiben musste. Denn die ihm zugeteilte Pfründe setzte sich aus Zinszahlungen der Bauern zusammen, deren Äcker zur Pfründe gehörten. So zahlte der Birkenfelder Müller eineinhalb Gulden, aber noch zwölf andere Bauern in Birkenfeld gehörten dazu, ferner der Müller der Kapfenhardter Mühle und der von der Greisermühle an der Alb, um nur die wichtigsten zu nennen. Solch dornenvolle Wege wurden dem Präzeptor erst im Jahre 1731 abgenommen, als man auf die Lösung kam, dass die Zinspflichtigen ihren Anteil an die jeweilige Kirchenpflege entrichteten, von wo dann dem Schulmeister in Neuenbürg sein Geld zugeleitet wurde.

Ein wichtiger Einschnitt für die Neuenbürger Lateinschule wie auch für die übrigen Schulen des Landes wurde von der großen württembergischen Kirchen- und Schulordnung des Jahres 1559 gesetzt. Alle Lateinschulen in den kleinen Landstädten Württembergs – und das waren inzwischen über fünfzig – wurden zu Zubringerschulen der vier höheren Klosterschulen (Herrenalb, Hirsau, Maulbronn und Bebenhausen) sowie der beiden Pädagogien in Stuttgart und Tübingen. Nur über den Besuch dieser höheren Schulen konnte von jetzt an der Weg zur Universität gehen. Die städtische Lateinschule musste nur dafür sorgen, dass ihre „Exspectanden“, wie man die Schüler nannte, die ein Studium anstrebten, auch die Anforderungen der Aufnahmeprüfung erfüllten, die von den höheren Schulen gefordert wurde. Dabei wurden die Kenntnisse der dritten Lateinklasse abgeprüft, und es gehörte bald zum Ehrgeiz der Präzeptoren und wurde auch von den Visitatoren, den Schulaufsichtsbeamten, wohlwollend registriert, durch einen gediegenen Elementarunterricht möglichst viele Exspectanden hervorzubringen und für die Prüfung tüchtig zu machen. Die Neuenbürger Lateinschule hat diesen Zubringerdienst auch in schwierigen Zeiten getreulich geleistet. Mit Respekt sehen wir, wie unter schwierigen Bedingungen damals Beachtliches geleistet wurde – der Blick zurück sollte uns dazu bringen, das heute Erreichte nicht so selbstverständlich hinzunehmen.