Lesung mit Dr. Alois Prinz am 26. September 2008

[Foto: Dr. Alois Prinz]
Dr. Alois Prinz

Ulrike Meinhof und Franz Kafka – Literatur(-Geschichte) der anderen Art – Lesung mit Dr. Alois Prinz

von StD'in Edith Drescher, Abteilungsleiterin Deutsch

Literatur und Geschichte gleichermaßen wurden lebendig, als Ende September der Autor Alois Prinz (München) aus seinen Biographien über Ulrike Marie Meinhof und Franz Kafka vor Schülerinnen und Schülern der 12. Klassen las oder vielmehr: erzählte.

„Lieber wütend als traurig“ ist der Titel seines Buches über „die“ Meinhof und eindrucksvoll zeichnete Prinz den Weg einer hochbegabten, christlich sozialisierten Frau mit hohen moralischen Ansprüchen hin zur Terroristin nach. In Filmeinspielungen wurde für die Schülerinnen und Schüler der geschichtliche Hintergrund der RAF anschaulich, z.B. der Tod des Studenten Benno Ohnesorg und der Anschlag auf Rudi Dutschke, aber auch typische $Reaktionen des „braven“ Mannes von der Straße auf die studentische Protestbewegung. Prinz machte aber jederzeit transparent, dass die Kluft unüberwindlich ist zwischen gesellschaftlich notwendigen Utopien einerseits und den zerstörerischen Mitteln andererseits, mit denen die RAF versuchte ihre Ziele zu erreichen.

[Buch: Lieber wütend als traurig]
„Lieber wütend als traurig“ – Alois Prinz' Buch über Ulrike Meinhof

Besonders interessant und spannend war es zu hören, wie detektivisch der Autor bei seinen Recherchearbeiten, z.B. bei Meinhofs Lehrern und Mitschülerinnen, vorging, und dass sein Verlag das Manuskript zunächst nicht haben wollte: Ein Buch über eine Kriminelle wollte nicht so recht in das Konzept eines Jugendbuch-Verlags passen. Anfeindungen von verschiedenen Seiten erlebt Prinz, seit das Buch auf dem Markt ist. „Den Linken ist es nicht links genug“, so der Autor und aus bürgerlichen Kreisen macht man ihm den Vorwurf, die Terroristin zu verherrlichen. Staunen rief im Publikum die Tatsache hervor, dass Meinhofs Tochter Bettina Röhl aus genau diesem Grund einen Prozess gegen ihn angestrengt hat.

Interessierte Nachfragen der Schüler/innen zeigten, dass es Prinz gelungen war, für die Frage zu sensibilisieren, warum sich junge Menschen mit ursprünglich moralischen Motiven dermaßen radikalisierten, dass positive Zielsetzungen in mörderischem Terror mündeten.

Damit reichte dieser erste Block in das Themenfeld „Recht und Gerechtigkeit“ hinein, mit dem sich die Oberstüfler/innen unter anderem in den Schwerpunktlektüren „Die Räuber“ von Schiller, „Michael Kohlhaas“ von Kleist und „Der Process“ von Franz Kafka beschäftigen.

[Buch: Marléen und Frederik]
Interaktive Begegnung mit Franz Kafka

Daher war es wohl die direkte Anbindung an ihr Abiturthema, das die 13. Klässler/innen veranlasste, zum zweiten Lesungsblock über Franz Kafka zu kommen. Aber auch sie wurden nicht enttäuscht, denn der Autor verzichtete auf längere Lesungen aus seiner Biographie „Auf der Schwelle zum Glück“ und setzte dafür auf Filmeinspielungen („Die Verwandlung“) und eine interaktive Begegnung mit dem als schwierig geltenden Kafka. Dazu hatte er die Dreizehner Marléen Kett und Frederik Beck „engagiert“, die Passagen aus dem Briefwechsel Kafkas mit Felice Bauer vortrugen. Einen ganz und gar ungewöhnlichen Heiratsantrag hatte Kafka der jungen Frau gemacht, in dem er ihr gewissermaßen abrät, seine Frau zu werden. Wider Erwarten nimmt sie seinen Antrag an – und wird doch nur als Verlobte und Entlobte in die Geschichte eingehen. Kafka blieb der Junggeselle der Weltliteratur.

[Foto: Auf der Schwelle zum Glück]
„Auf der Schwelle zum Glück“ – Alois Prinz' Werk über Franz Kafka

Prinz hob besonders die Verbindung zwischen der Biographie des Literaten und seinem Werk hervor. Kafka schrieb beispielsweise die Erzählung „Ein Hungerkünstler“ und war offensichtlich selbst ein solcher. Seine Mutter hatte stets Sorge, ihr Sohn werde vom Fleisch fallen und hielt ihn zum Essen an. Auch die bekannt schwierige Vater-Sohn-Beziehung wurde thematisiert.

Kafka wollte nicht berühmt sein und scheute die Öffentlichkeit. Er wäre wohl, so Prinz, im Boden versunken, wenn man ihm prophezeit hätte, dass es dereinst Lesungen über ihn und Abituraufgaben zu seinen Werken geben werde. Seine einzige Lesung außerhalb Prags hielt Kafka 1916 in München. Nachdem er „In der Strafkolonie“ vorgetragen hatte, galt er manchen Zuhörern als „Lüstling des Entsetzens“, wie Prinz aus der damaligen Presse zitiert.

Ihm war es sehr darum zu tun, den Schülerinnen und Schülern Kafka als einen Menschen in seiner Gebrochenheit, seinen Schwierigkeiten und Ängsten vor Augen zu stellen, ein Wissen, das den Zugang zu seinem Werk erleichtert, wenn nicht gar erst ermöglicht. Einem Schüler schrieb er die Widmung in seine Biographie: Keine Angst vor Kafka!

Die Fachschaft Deutsch und unsere Schülerinnen und Schüler konnten sich wirklich über den Besuch des Autors Alois Prinz freuen, der unseren Literaturunterricht im Sinne ganzheitlichen Lernens bereicherte. Die Kooperation mit dem Katholischen Bildungswerk Calw ermöglichte die Veranstaltung, da das Dekanat einen erheblichen Teil des Honorars übernahm. Außerdem unterstützten uns die Buchhandlung Lese-Eule in Bad Herrenalb (sie hatte auch einen Büchertisch aufgestellt) sowie die Firma Schneider Verpackungen in Neuenbürg mit großzügigen Geldspenden. Wir freuen uns, dass die Bildung unserer Jugendlichen auch ein Anliegen von Unternehmen und Institutionen außerhalb der Schule ist.