Artikel: Ein Klassenbuch erzählt aus der „guten alten Zeit“ (2000)

von Inge Gengenbach, ehem. Lehrerin des Gymnasiums

Die Stadt Neuenbürg blickt auf eine lange Schultradition zurück. Im „Heimatbuch Neuenbürg“ ist sie von ihren Anfängen vor mindestens 500 Jahren bis heute anschaulich dargestellt.
Kaum bekannt ist dagegen, wie sich das Neuenbürger Schulleben früher abspielte, wie die Schule damals <„funktionierte“. Quellen hierüber sind rar, die vorhandenen decken nur einen vergleichsweise kurzen Zeitraum ab. Ich stütze mich auf das kleine Archiv des Gymnasiums mit seinen „Diaria“. Diese Tagebücher stammen aus dem späten 19. und frühen 20. Jahrhundert und wurden gewissenhaft geführt. Anlässlich unseres Starts ins 3. Jahrtausend beschränkte ich mich auf das „Diarium der Realschule Neuenbürg vom 17. April 1893 bis zum 31. Dezember 1899“ (leider fehlt der Anschlussband) und versuchte, den Schulalltag von vor 100 Jahren ein wenig zu beleuchten.

Die Realschule wurde 1844 eingerichtet. Sie war zentral in dem Haus untergebracht, welches auch die alte Lateinschule beherbergte und den Gymnasiasten bis zum Umzug ihrer Schule auf die Höhe im Herbst 1972 ein paar Jahre lang als „Filiale“ diente.
Bei der Durchsicht der Schülerlisten stößt man auf manchen aus heutigen Klassenlisten bekannten Namen. Während aber heute knapp 1000 Schülerinnen und Schüler das Gymnasium besuchen, waren dies in der Realschule von 1893 insgesamt nur 47, und Mädchen fehlten überhaupt!

Sie verteilten sich folgendermaßen:
Klasse 1 (geb. um 1880): 4 Schüler
Klasse 2: 8 Schüler
Klasse 3: 16 Schüler
Klasse 5 (geb. um 1883): 19 Schüler

Davon waren:
auswärtig: 15 Schüler
einheimisch: 32 Schüler
katholisch: 4 Schüler
evangelisch: 43 Schüler

Durch Wegzug und Schulwechsel reduzierte sich die Gesamtzahl bis 1899 auf 39. Der Stundenplan wird hier erläutert an Hand der Woche vom 3. bis 8. Juni 1899. Er umfasste für alle Schüler 40 Wochenstunden.

Der Ausbildungsschwerpunkt lag eindeutig auf der Mathematik, wie wir heute sagen würden; auf Rechnen, Geometrie und geometrisches Zeichnen entfielen zusammen 12 Wochenstunden. Es folgten Französisch (6) und Freihandzeichnen (4). In die restlichen 18 Stunden teilten sich 10 weitere Fächer, nämlich Geschichte, Deutsch, Naturgeschichte, Physik, Religion, Vortrag, Kinderlehre, Memorieren und Turnen. Letzteres wurde in Ermangelung einer Turnhalle im Freien und somit nur im Sommerhalbjahr unterrichtet.
Das Fächerangebot ist Ausdruck der Erfordernisse jener Zeiten: die Industrialisierung hatte Einzug gehalten. Klassische geisteswissenschaftliche Fächer hatten keinen Stand mehr; sie wurden von sogenannten „Realien“, naturwissenschaftlichen Fächern verdrängt. Hier liegt auch der Grund für die Mitte der 80er Jahre allmählich beginnende Ablösung der alten Lateinschule durch die Realschule, die den Wünschen der Zeit Rechnung trug.

Das Schuljahr begann nach Ostern. Eine Schulwoche umfasste 6 Tage, der morgendliche Schulbeginn hing von der Jahreszeit ab. Von kurzfristigen Änderungen abgesehen, galt generell:
Sommerhalbjahr: 7–12 Uhr; 14–16 Uhr. Winterhalbjahr: 8–12 Uhr; 13–16 Uhr. Die Mittagspause ist klar ausgewiesen. Nicht nachvollziehbar ist hingegen, wo die Schüler sie verbrachten, ob z.B. die einheimischen Schüler nach Hause gehen durften. Information fehlt auch über Zahl und Verteilung weiterer kleiner Pausen während des Vormittags. Sie wurden wohl nach Bedarf zwischen die 60 Minuten dauernden Unterrichtsstunden geschoben.

Ein Lehrer unterrichtete alle Klassen in allen Fächern in einem Raum. In 7 Fächern, nämlich Rechnen, Geometrie, Französisch, Deutsch, Memorieren, Vortrag und Kinderlehre, waren die Kinder in 3 oder 4 Gruppen mit verschiedenen Lerninhalten aufgeteilt, wohingegen in den anderen Fächern diese Rücksichtnahme auf unterschiedliches Alter und Vorwissen fehlte; der Lehrstoff war für alle gleich.
Eine solche „Ein-Lehrer-Schule“ hatte natürlich zur Folge, dass bei Krankheit des „Praeceptors“ der Unterricht für alle Schüler ausfiel. Das Diarium weist diese Notlage mehrmals aus.
Schüler und Lehrer hatten, so lässt sich aus dem Gesagten schließen, ein anspruchsvolles Programm zu absolvieren. Ihm stand ausgleichend unterrichtsfreie Zeit gegenüber, die ich in drei Gruppen gliedern möchte:
1.) Ferientage: Sommer (etwa 6 ½ Wochen); Weihnachten (etwa 2 Wochen); Ostern (etwa 2 ½ Wochen); Pfingsten (2 Tage);
2.) Kirchliche Feiertage (12 Tage).
3.) Besondere Ereignisse, z.B.: Geburtstage des Kaisers, des Königs, der Königin; Konfirmationstag; Kirchweihmontag; Markttage (3–4 pro Jahr); Inspektionstage (2 pro Jahr); Abwesenheit des Lehres; „Hitzevakanzen“ (z.B. 27.7.1895, 21 °R, ca. 26 °C um 9 Uhr); Überschwemmung des Enztals (9.3.1896); Ausflugstag (1 pro Jahr).

Ein Wort zu den Ausflügen: Sie führten zu nahe gelegenen Zielen wie Schwann, Dobel, Baden-Baden, Karlsruhe. Teilnahmepflicht bestand offensichtlich nicht, denn an der Tour nach Dobel beteiligten sich nur 29 Schüler, obwohl die Veranstaltung von Real- und Lateinschule gemeinsam durchgeführt wurde. Ein Ausflug erscheint mir besonders erwähnenswert, nämlich eine zweitägige Wanderung nach Gernsbach. Man startete um 3.30 Uhr am ersten Tag, am zweiten Tag sogar schon um 3.00 Uhr; Rückkehr war in Neuenbürg um 10 ½ Uhr abends. Am nächsten Tag fand der Unterricht wie gewöhnlich statt: von 7–12 Uhr und von 14–16 Uhr!

Zwei Spalten im Diarium verraten etwas mehr über die Menschen, die die Schule mit Leben erfüllten: „Strafen“ und „Bemerkungen“. Worin bestand das Schülerverhalten vor ca. 100 Jahren? – Fast jede Strafe resultierte aus „Faulheit“ des zu Bestrafenden. So liest man z.B.
wegen Unfleiß in Geometrie 1 Stunde Arrest“,
wegen fortgesetzter Trägheit 2 Tatzen“,
körperliche Bestrafung wegen beharrlicher Faulheit im Memorieren“,
erhält Streiche wegen Faulheit“,
die ganze Klasse hat von 4–5 Uhr Arrest, da sich die Schüler trotz mehrmaliger Warnung sehr unruhig und lärmend aufführten“.

Arrest musste wohl nicht, wie z.B. in Tübingen, in einem Karzer abgesessen werden. Neuenbürg hatte wohl keinen. Doch vielleicht diente hierfüre das Oberamtsgefängnis, wie das andernorts durchaus üblich war.
Interessant ist in diesem Zusammenhang ein Erlass des Landes Württemberg-Hohenzollern/Kultusministerium, dem Neuenbürg ja bis zur Kreisreform 1972/73 angehörte. Er datiert vom 8.9.1950:
Betr. Verbüßung von Schularrest-Strafen.
Aus gegebener Veranlassung wird darauf hingewiesen, dass die Verbüßung von Schularrest-Strafen außerhalb des Schulgebäudes und vor allem im Ortsgefängnis nicht zweckmäßig erscheint. Soweit in den Schulen ein ausgesprochener ‚Karzer’ nicht vorhanden ist, sind daher Schularrest-Strafen in einem hierfür geeigneten Klassenraum zu verbüßen. i.V. gez. Breuerl

Körperlicher Züchtigung waren die Schüler noch viele Jahrzehnte später ausgesetzt, bis sie schließlich per Gesetz verboten wurde.

Unter „Bemerkungen“ sind nicht nur schulische Belange aufgezeichnet, sondern auch Alltagsangelegenheiten, die die Menschen bewegten. So erfährt man einerseits z.B. etwas über die sich über viele Wochen hinziehende fünfmalige „Aufforderung an die Stadtgemeinde zur Anschaffung der von der Königlichen Behörde angeordneten Lehrmittel und Abänderung des Zeichenkastens“ oder man liest den Vermerk, „dass ein Schüler ohne Erlaubnis und gegen den Befehl des Lehrers aus der Schule weggeblieben (ist), um in den katholischen Religionsunterricht zu gehen“.

Andererseits werden aber auch immer wieder außergewöhnliche Wetterlagen während und außerhalb der Schulzeit aufgeführt: „größte Kälte an Weihnachten; 1. großer Schneefall; -8° R Kälte“; (1 °R = 5/4 °C) „starker Schneefall, kalt (bis -20,5 °R)“. Der Winter 1894/95 muss sehr streng gewesen sein, und es drängt sich die Frage auf, wie gut wohl der Klassenraum geheizt war. Leider fehlt die Antwort. Der einzige Vermerk bezieht sich auf „ein bedeutendes Umsichgreifen der Influenza, namentlich bei älteren Leuten“.

Mehr als 100 Jahre sind seither vergangen. Die Gesellschaft war rasanten, tiefgreifenden Veränderungen unterworfen, die die Schule von heute wachsen ließ. Bleibt noch die Frage „Quo vadis, scola?“ Aber dies ist ein Thema für sich.